Monatsandachten

Andacht November 2026

Kein Platz für Träume

Es war eine kleine Trauerfeier im Familienkreis. So hat sie es gewollt, so haben es die Kinder gewollt. In der Beerdigungsansprache wurde aus ihrem Leben erzählt, so wie es die Kinder berichtet haben und so, wie die Pastorin es aus über 30 Jahren Bekanntschaft wusste. Sie war keine Träumerin. Sie war eine Frau mit Disziplin, Struktur, Pflichtbewusstsein und Pragmatismus. Aus Ostpreußen musste sie als Kind fliehen, im Rheinland ist sie irgendwann angekommen, was ihr unterwegs passiert ist, hat sie für sich behalten. Sie hat sich dafür entschieden zu bleiben, zu heiraten, ins Haus der Schwiegereltern zu ziehen, vier Kinder zu bekommen, die Schwiegermutter zu pflegen, den Nutzgarten zu beackern, die Kleider zu nähen. Sie hatte eine Entscheidung getroffen – nämlich, dass das ihr Leben ist und dass sie das gut und zuverlässig lebt. 

Getragen hat sie ihr Konfirmationsspruch, der ihr Lebensbegleiter wurde: 
„Einen anderen Grund kann niemand legen als der, der gelegt ist: Jesus Christus“ (1. Kor. 3,11). 

Dieser Vers ist ein Versprechen und zugleich Mahnung. Er verspricht, dass Jesus Christus das Fundament unseres Lebens ist, das alles trägt, was darauf gebaut ist. Wir werden in allem, was uns widerfährt, getragen von der Kraft Gottes, die alles mit uns aushält, uns stärkt und tröstet. Die uns immer mehr möglich macht, als wir glauben, dass möglich ist. Die für uns auch dann gegenwärtig ist, wenn die eigenen Kräfte nachlassen. Und in der Stunde, in der wir den letzten Atemzug tun. 
Zugleich ist der Vers die Aufforderung, die Orientierung nicht zu verlieren und zu prüfen, was wirklich wichtig ist und was dem Leben, der Gerechtigkeit und dem Frieden dient. Es ist die Mahnung sich von den vielen Götterangeboten dieser Welt nicht irre machen zu lassen. Es ist beides: Gewissheit, dass mein Leben ein unerschütterliches Fundament hat, wenn ich darauf vertraue. Und die Aufforderung, kritisch und mit gesundem Menschenverstand die Heilsversprechen der Welt zu prüfen.

In manchem, nein, eigentlich in vielen Leben ist kein Platz für Träume. In vielen Leben erlauben die Umstände nicht, dass Träume gelebt und Potenziale entfaltet werden können. Im Leben der Verstorbenen ging es auch darum – sie war eine kluge Frau, die mit der Heirat ihren Beruf aufgegeben hat. Sie hat, nachdem die Kinder groß waren und ihre Pflichten es zuließen, Vorlesungen an der Universität besucht. In den Jahrzehnten zuvor und noch bis vor Kurzem hat sie unendlich viele Themeneinheiten für ihre Frauenhilfe-Gruppe erarbeitet. Eine Frauenhilfe-Stunde ohne Thema war für sie überflüssig, „da könne man sich ja gleich im Café treffen“. Über 50 Jahre Frauenhilfe und Weltgebetstag haben ihr ermöglicht, ein enormes Wissen über Gott und die Welt (im wahrsten Sinne des Wortes) zu sammeln. Die Frauenhilfe und auch der Chor wurden ihr zur Heimat und zum Ort, an dem sie die Zusage aus ihrem Konfirmationsspruch lebendig wurde. Es ging nicht um große Träume, sondern um die Erfahrung, dass gelebter Glaube trägt. Und er hat sie bis zum letzten Atemzug getragen, wie ihr „Lebensvers“ aus dem Korintherbrief versprochen hat.

Es ist wunderbar, Träume leben zu können, sie zu entfalten und zu gestalten. In gleichem Maße ist es wichtig durchzuhalten, wenn die Träume aufgegeben werden müssen oder das Leben anders läuft, als erhofft. Die Wirklichkeit muss gelebt werden und erfüllte Träume sind die Sahnetorten des Lebens. Jedes einzelne Stück dürfen wir genießen. 
Zum Schluss zählt, was trägt. Amen.


Gebet

Gott, 
schenke uns Vertrauen, das trägt.
Erfülle uns mit Weisheit, die unterscheiden kann
zwischen leeren Hüllen und tragfähigem Grund.

Jesus Christus,
begleite uns in der rauen Wirklichkeit,
erfülle uns mit Träumen von Frieden und Gerechtigkeit 
und gib uns die notwendige Tapferkeit für Krisen und Not.

Heilige Geistkraft,
erfülle unsere Herzen mit Freude und Liebe,
schenke uns Gemeinschaft und Frohsein
und sei gegenwärtig in uns und in dieser Welt.
Amen


Liedvorschlag

Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369, 1-3 und 7)
 

Dagmar Müller
(in: Evangelische Frauen im Rheinland (Hrsg.), Träume leben. Andachten 2026. 24 Andachten durch das Kirchenjahr) 

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Mit unseren Andachten möchten wir Sie zum Träumen einladen. Träume faszinieren die Menschen seit jeher. Sie können beflügeln und inspirieren. Sie…
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